
Wie Ihr sicherlich in den letzten Tagen gehört habt ist das Ende von Halo Studios beschlossen. Microsoft überträgt die Marke Halo an Activision, unter denen ein komplett neues Team zusammengestellt wird um zukünftige Halo Titel zu entwickeln. So gut wie alle Mitarbeiter von Halo Studios wurden kurzfristig entlassen und nur ein kleiner Rest bleibt um das Halo Fest zum Jahresende noch abzuhalten und die Server der releasten Spiele am Leben zu halten. Von daher will ich die Gelegenheit nutzen mal das weniger als News, sondern als persönlichen Blogpost meine Gedanken dazu niederzuschreiben.
Während sehr viel ungewiss ist, wie die Zukunft von Halo jetzt aussieht, muss ich gestehen dass es das erste mal ist seit mehr als einer Dekade, dass ich tatsächlich positiv gestimmt bin über die Zukunft von Halo.
Die Anfänge von 343 Industries
Schon von Beginn an war in meinen Augen die Übernahme des Franchise von Bungie zu 343 Industries (im Folgenden dann kurz 343i genannt) eine Katastrophe. Halo Reach erreichte durch die steigende Popularität von Call of Duty und anderen Konsolenshootern zwar nicht mehr ganz die Spielerzahlen wie Halo 3, aber trotzdem war es quasi ein Must Have Titel aller Xbox Besitzer und das Franchise war auf einer wahnsinnigen Flughöhe. Reach heizte jedoch die Meinung unter Halo Fans an, da ein guter Teil der ehemaligen Halo 3 Spieler die ganzen Änderungen wie Armor Abilities und Bloom (Die Waffe wird nach dem Feuern ungenauer und es muss gewartet werden bis man wieder mittig trifft) zeigten klar, dass man mit Fingerspitzen Gefühl überlegen muss, wo man spielerisch kommende Halo Titel verorten möchte.
Die erste Aufgabe, die sich 343i vorgenommen hatte, war genau dieses Fingerspitzengefühl zu ignorieren und Halo Reach komplett umzukrempeln mit einem fragwürdigen Title Update, das leider später auch die MCC Reach Version wurde. 343i konnte das Prinzip einfach nicht verstehen dass die DMR für Mid-Longrange und Magnum für Close Quater Reichweite gedacht ist und modifizierte so merkwüridg am Bloom rum, damit die DMR auf alle Entferungen gut war - quasi ein Ersatz für Halo 3s BR - und die Magnum und Needle Rifle plötzlich so overpowered waren, dass als Loadout Startwaffen entfernt werden mussten. Auch weitere gute Features von Reach wie dass Restschild immer vor Gesundheitsschaden und Nahkampfkills schützt oder dass man Schwerter im Nahkampf parieren kann wurden gestrichen. Reach, das eher auf seine langsame Time To Kill ausgelegt war und dadurch lang anhaltende Duelle, wurde so grundlegend mehr in Richtung eines komplett neuen Balancings gedrückt, das inbesondere Modi wie Invasion völlig aus dem Ruder gerieten da man mit krasser Präzision über Entfernungen erledigt werden konnte.
Intern hatte 343i zur Studiogründung einen sehr Halo 3 nahen Prototypen für die Marke Halo entwickelt, um als Studio gegenüber Microsoft zu beweisen, dass man der Marke Halo würdig ist. Als dann dadurch Halo 4 abgesegnet wurde, wusste man natürlich alles besser und warf den Prototypen komplett über Bord und fokussierte die Entwicklung von Halo 4 darauf, dass man sich möglichst von allem womit Bungie die Marke groß gemacht hat sich abgrenzen möchte. Ein komplett neues Artdesign, komplett andere Musik, Loadouts, Freischaltbare Perks und Waffen die auch noch hinter hochzulevenden Klassen gesperrt sind, Killstreaks, etc. - Es wundert daher nicht mal dass hinterher Newsmeldungen die Runde machten, dass 343i bewusst Mitarbeiter eingestellt hatte die "Halo hassten", also nichts mit dem typischen Halo Gameplay anfangen können, damit man neue Ideen einbringt als Studio.
Es zeigte sich also schon früh, dass es bei 343i nie wirklich darum ging das Erbe von Bungie anzutreten und die bestmöglichen Nachfolger zu Halo 3 und Reach zu bauen, sondern irgendwie der Marke ein eigenen Stempel aufzudrücken. Aber immerhin hatte 343i einen Plan, denn Halo 4 sollte der große Start der Reclaimer Saga sein, einem klar gespannten Storypfad über die nächsten Titel.
Ein Jahrzehnt der Kurskorrekturen
Und genau dort beginnt das, was bis zur Studioschließung immer das Kernproblem des gesamten Studios war. Sie konnten sich nie an irgendeinen Plan und einer Idee halten, sondern jedes einzelne mal muss alles über den Haufen geworfen werden, was man tun wollte. Halo 4 endete wahnsinnig spannend mit Cortanas Opferung zum Wohle der Menschheit und Chief erstmals am Hinterfragen ob er jetzt einfach mit der nächsten Mission direkt weitermachen könnte. Aber Nope, absolut nichts davon wird weitergeführt. Halo 5 lässt Cortana als Diktator über die Galaxie wiederauferstehen, während Chief in den paar wenigen Missionen, in denen er überhaupt auftaucht, nur dümmlich von Planeten zu Planeten stolpert. Halo 5 endet dann damit, dass Cortana die Macht erlangt hat mit den Guardias die Erde zu erpressen, während Chief gestrandet mit Halsey und dem Gebieter jetzt wohl die einzige Hoffnung ist, das Blatt im Nachfolger zu wenden.
Aber auch das wird nicht nur komplett verworfen, sondern auf die schlechteste Art und Weise, wie man es machen kann. Hätten sie das Ende von Cortana und ihrer Fraktion in einem Roman auserzählt, wäre es ja noch hinnehmbar. Stattdessen verbringt der Nachfolger Halo Infinite den Großteil seiner Storybits damit, diese Geschehnisse zwischen Halo 5 und Infinite in Hologrammen nachzuerzählen. 2 Spiele nachdem Cortana bereits in Halo 4 gestorben ist sitzt man also da und darf sich wieder eine Cutscene gegen Ende von Halo Infinite geben, wie Cortana dann als Hologramm tatsächlich gestorben ist, weil sie erkannt hat dass sie plötzlich gar kein Diktator mehr sein möchte wenn sich die Menschheit und Chief dagegen wehrt. Und dann hat man nicht mal die Eier in der Hose wenigstens Cortana aus dem Franchise zu schreiben, sondern es gibt einfach eine neue Cortana für Chief, nur halt mit anderem Namen. Und das wo einer der prägenden Dialoge in Halo 4 sogar ist, dass Cortana Angst vor ihrer Selbstzerstörung hat weil die UNSC dann Chief einfach einen neuen Cortana Klon zuweisen würde. Infinite wirft damit also auch nicht nur alles weg, was Halo 5 mal als Story aufgebaut hat, sondern stampft auch weiterhin auf der Story von Halo 4 rum. Die ganze Idee der Reclaimer Saga hat also entweder nie existiert oder wurde umgehend wieder verworfen zu Gunsten von Self Reboots, die keiner ganz versteht.
Nachdem Infinite dann ebenfalls nicht wie erhofft ankam, hatte auch Microsoft irgendwann genug und nach über einem Jahrzehnt an Missmanagement rollten erstmals Studioköpfe, damit ausgerechnet der Produktionsleiter für Infinite übernehmen darf - Der als erste Amtshandlung seine Rolle aus den Credits von Infinite entfernen ließt und dabei das Internetarchive vergaß. Und mit den Zügeln in der Hand, was ist also der Plan um Halo wieder in ein goldenes Zeitalter zu führen? Ganz klar:
Man streicht kurzfristig jegliche Weiterentwicklung an Halo Infinite, das sich zu dem Zeitpunkt tatsächlich als respektablen Mulitplayer Shooter etablieren konnte wenn auch mit eher kleiner Spielerschaft, und fokussiert stattdessen das Studio auf die Entwicklung eines zweiten Halo CE Remake - Jedoch ohne Multiplayer. Ein Franchise, dass seine Popularität stark auf dem Multiplayer aufbaut, reißt man also komplett den Boden unten den Füßen weg in dem man für die Multiplayer Community einfach gar nichts mehr anbietet...
Wieso Activision Hoffnung bringt
Es wundert mich also in keinster Weise, dass Microsoft jetzt auch endlich mal erkannt hat, dass auch das Rebrand von 343i zu Halo Studios nichts an den Kernproblemen des Studios verändert hat. Es war einfach höchste Zeit dass irgendjemand mal bei Microsoft versteht, dass sie über 16 Jahre lang zugesehen haben, wie einst einer der größten Videospiel Franchises in eine nahezu Bedeutunglosigkeit versunken ist. Und das nicht, weil andere Firmen sogenannte "Halo Killer" Titel rausgebraucht haben. Der wahre Halo Killer ist das eigene grauenhafte Mismanagement des Franchise.
Ist Activision ein herausragender Publisher und als Fan die erste Wahl für die Zukunft des Franchises? Ganz sicher nicht.
Aber das was Activision herausragend hinkriegt ist genau das, was Halo braucht, nämlich ein vernünftiges Studio und Projektmanagement. Man kann über CoD lästern wie man möchte, ich bin auch kein Fan der Reihe, aber sie kriegen es tatsächlich hin dass die Studios ihre engen Entwicklungszyklen von 2-4 Jahren einhalten und das mit all dem Content an Spielmodi den Fans vom Spiel erwarten und dass das Franchise bis heute eben seine Popularität hält.
Es ist mir tatsächlich herzlich egal ob man jetzt die komplette Story von Halo rebootet, eine komplett neue Story irgendwo in der bisherigen Timeline mit anderen Spartans erzählt oder doch den Story Scherbenhaufen mit einem Halo 7 fortführt. Mit ist es auch wirklich egal ob man vom Gameplay mehr Call of Duty Einfluss in Halo einschmelzen lässt, da Halo unter 343i eh immer nah an moderne Shooter Standards angelehnt wurde statt am klassischen, langsameren Bungie Halo Gameplay.
Das was mir wichtig ist und weshalb in jetzt mehr Hoffnung fürs Franchise habe als je zuvor, ist dass sich das Franchise jetzt endlich mal festlegen könnte was es sein und was für eine Geschichte es über das nächste Jahrzehnt erzählen möchte. Ich möchte lieber alle 2-3 Jahre tatsächlich einen vollwertigen neuen Halo Titel spielen können, wo ich vielleicht mit ein paar Entscheidungen persönlich nicht einverstanden bin, als jedes mal wieder 5-6 Jahre auf einen halbgaren, unfertigen Titel warten zu müssen, der sowieso wieder alles über den Haufen geworfen hat, das der Vorgänger anfangen hatte.
Das einzig traurige ist, dass Activisions neues Team halt noch wirklich ganz am Anfang steht. Das heißt nicht mal das vollständige Recruiting für die Entwicklung des Titels in im Gange, sondern wahrscheinlich wird aktuell noch fleißig prototypisiert, für was man sich in Sachen Story, Umfang und Gameplay dann entscheidet. Als Releasedatum des neuen Titels sehe ich daher nichts vor 2029 oder 2030, das heißt zwischen Halo Infinite und dem neuen Titel wird werden dann fast 10 Jahre liegen. die Durststrecke an neuen Halo Titeln ist also noch lange nicht vorbei.


